Abschrift

des Karl Christian Friedrich Krause's Buches

Die drei ältesten Kunsturkunden der Freimaurerbrüderschaft

zusammengestellt, überarbeitet und ins Englische übersetzt

aus Google Books

von Bruder Vincent Lombardo

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Erste Kunsturkunde

B) Bemerkungen und Betrachtungen des Herausgebers

über die erste Kunsturkunde.

Coat of Arms

   Die Bemerkungen, die ich noch zu den vorangeschickten meiner Vorgänger und zu meinen eignen, schon mit eingestreuten, hinzuzusetzen habe, betreffen die Echtheit und die richtige Würdigung dieser Urkunde.

   A) Die Echtheit derselben kann schon aus der sorgfältigen Durchsicht und Prüfung alles Vorstehenden von selbst einleuchten; indeß will ich hier noch eine kurze Ubersicht der Gründe geben, welche in dem Vorigen zerstreut liegen, oder noch hinzugefügt zu werden verdienen. =88=

   Diese Gründe sind theils innere, die aus der Urkunde selbst, ans ihrem Inhalte und aus ihrer Form, hervorgehen, theils äußere, welche in den Urtheilen wohlunterrichteter, vorzüglich englischer, Brüder und Logen, und in dem Gebrauche bestehen, den diese davon machen.

   I) Unter den innern Gründen der Echtheit dieser Urkunde steht obenan

   1) der würdige, wahre und schöne Inhalt derselben. Der Urbegriff der Maurerei ist hier ohne alle Beschränkung, und zugleich der damaligen Zeit gemäß, zwar nicht mit Einem Worte, als Ein Ganzes, ausgesprochen, doch in seinen obersten, ihn ergänzenden, Theilen dargelegt. Gott und Welt; Natur und Vernunft; Leib und Geist; Wissenschaft und Kunst; das Nützliche, und das Schöne; Gottinnigkeit und Recht; Tugend und Lebenfreude; Freundschaft und Allmenschenliebe; Erziehung und Ausbildung; Vergangenheit und Zukunft; Sinn für das Ewige und Urbildliche und für Geschichte; Forschung und Arbeit; — alles Dieses wird mit Einer Liebe und mit Einer Kunst hier umfaßt, und mit dem Worte: Masonry, bezeichnet. Wer es vermag, die einzeln dargelegten Glieder, gleichsam zum ganzen Leibe, geistig zu vereinigen, und sie in den Verhältnissen zu erkennen, worin sie im Ganzen des Urbegriffs des Lebens der Menschheit als Menschheit, — des Menschheitlebens, — stehen, der wird mit mir erkennen, welch ein segenvoller Keim in dieser Urkunde für die kommende Menschheit niedergelegt wurde, und wieweit sich der Geist derselben über die Vorzeit, ja selbst über die Einseitigkeiten unserer Nunzeit, erhebt. — Wer die Einsichten und die Gesinnungen hat, welche hier ausgesprochen und empfohlen werden, der bedarf weder zur Erreichung seiner Absichten Betrug, noch würde er sich dazu in irgend einem Falle verstehen.

   2) Dieser Inhalt, die hier angegebne Wesenheit der Maurerei, kann aus keinem von allen, nach dem Jahre 1717 entstandenen, sogenannten Systemen der Freimaurerei, weder in England, noch sonstwo, hervorgegangen sein. Denn das Fragstück gibt etwas Höheres und Würdigeres als die Wesenheit und die Bestimmung der Freimaurerei, und zwar so vollständig, an, als alle jene neuere Systeme, selbst in ihren angeblich höheren und höchsten, zum Theil die Maurerei selbst nicht im mindesten angehenden, sogenannten Graden, nicht thun. Alle diese Systeme setzen der Freimaurerei einen einzelnen, beschränkten =89= Zweck, der noch dazu nur von andern geselligen Vereinen, nicht von einer geheimen Verbrüderung, erreicht werden dürfte und könnte; die Wesenheit der Freimaurerei hingegen, wie sie in diesem Fragstück aufgestellt wird, umfaßt das allseitige, allvereinklangige (harmonische) Leben der ganzen Menschheit, als Ganzes. Dafür findet sich in der ganzen Geschichte aller Länder und Völker keine Anstalt, kein eigens dafür bestimmter gesellschaftlicher Verein, und für diesen Zweck konnte damals, nach der Überzeugung der Brüder, am besten geheim gewirkt werden. Sollte ein Anhanger irgend Eines von jenen neueren Systemen dieses Fragstück ersonnen haben, so hätte er ein Werk gemacht, welches sein eigenes, sowie jedes andere einseitige, System untergräbt und aufhebt; auch würde er irgend etwas diesem System Eigenthümliches, irgend Etwas von dessen Lehrbildern und Kunstausdrücken, selbst unwillkührlich, haben einfließen lassen; dergleichen findet sich aber in der ganzen Urkunde Nichts. Wie sollte auch Jemand, der das Wahre ganz erkennt und liebt, irgend Einer von jenen Einseitigkeiten unterworfen sein! *) =90=

Coat of Arms

*) Ein gelehrter Bruder behauptet: "Zu der Zeit," [um das Jahr 1753 ] "als diese Schrift in England erschien, war man auf die Maurerei sehr gespannt; die Zeit der Geheimniß sucht und Krämerei brach an. Es war die Morgenröthe des Tempel - Ordens. Man suchte Geheimnisse in ihr, und selbst die Maurer glaubten an welche, und an unbekannte Obere. Der Verfasser" (der angebliche Erdichter unserer Urkunde) "huldigte dem Zeitgeiste, und damit die Geheimnißforscher Spielraum genug hätten, legte er alles Mögliche hinein, was nur nach Geheimnissen schmeckte, mit sammt dem Pandämonium, d. i. die Kunst, neue Künste zu erfinden. Im Grunde spottet er über die Freimaurer; er hätte denn den boshaften Einfall gehabt, die jüngeren Brüder irre zu führen." — Aus dem hierin richtig geschilderten Logengeiste der Zeit um das Jahr 1750 erklärt sich allerdings umsomehr, warum die NE. Großloge unsre Urkunde in ihr Constitutionenbuch aufnahm; keinesweges aber der Inhalt dieser Urkunde. Denn dieser ist im Wesenlichen der mysteriokryptischen Denkart, und den damaligen Systemzwecken, zuwider. Es ist darin auch nicht eine Spur von Mysteriokrypsie, noch von einem Orden, oder Ordenzweck, oder einer Ordengeschichte (historia ordinis), noch vom Templer - Orden, sowenig, als von irgend etwas die Royal - Arch-Maurerei [s. das Register unter diesem Worte!] Angehenden. Eine um das J. 1750, in dem so eben richtig geschilderten Zeitgeiste, und zu Beförderung der Zwekke desselben, geschmiedete Urkunde würde ganz andere lauten. — Die Erfindkunst, für die ein Tschirnhausen, =90= Leibnitz, Flögel, u. A. m., arbeiteten, ist den scharfsinnigen und tiefforschenden Denkern des Mittelalters so fremd nicht, als man gemeinhin glaubt. — Von Spott ist weder in der Urkunde, noch in Locke's Brief und Anmerkungen, eine Spur; vielmehr ist jedes Wort ernsthaft.

   3) Ferner ist die in dieser Urkunde enthaltene Lehre über die Wesenheit und die Bestimmung der Maurerei dem wirklich aus andern Quellen erweislichen Ursprünge derselben ganz gemäß. Diesen Ursprung der Maurerei, als ausübender und als reinmenschlicher Kunst, kann ich erst unten bei der dritten Urkunde geschichtlich erweisen, *) woselbst ich alles hieher Gehörige nachzulesen bitte.

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*) Siehe die Vorerinnerung zu der Yorker Constitution, und die Abhandlung über die Entstehung des alten Aufnahmrituales, auch das Sachverzeichniß unter: Culdeer, Freimaurer, — ei, — brüderschaft!

   4) Ein neuer Bestätigunggrund der Echtheit dieses wesenlichen Denkmales liegt darin, daß die hier vorgetragene Lehre, sowohl über den Urbegriff der Maurerei, als auch über geschichtliche Dinge, mit allen andern bekannten Nachrichten und Geschichtquellen der Maurerei vollkommen übereinstimmt, und mit alle Dem, was wir sonst von der alten Freimaurerei vor dem Jahre 1717 aus sichern Quellen wissen, harmonisch ist; sie gibt diesen Nachrichten Licht, sowie sie selbst ebendaher Licht empfängt. Namentlich ist der ganze Inhalt des Fragstükkes vollkommen übereinstimmend

   a) mit der ältesten Aufnahmhandlung, als der zweiten, hier mitzutheilenden, Urkunde;

   b) mit der ältesten Yorker Constitution vom Jahre 926; und mit den ihr beigefügten Grundgesetzes (old charges), (welche schon für sich allein, und zwar in den wichtigsten Stellen, durch ganze Sätze hindurch, wörtlich, beweisen, daß die alten Maurer, nächst der Baukunst, auch noch eine andre, reinmenschliche, Kunst übten;)

   c) mit dem ganzen geschichtlichen Inhalte des Anderson'schen Constitutionenbuches vom Jahr 1725 und 1738, und mit den alten Pflichten, sowie sie Anderson, nach seiner eignen, weiter unten abgedruckten, Versicherung in der Vorrede des Constitutionenbuchs vom Jahr 1738, Seite VII, aus den noch vorhandnen Handschriften der alten Constitutionen, dem Wesenlichen nach, nahm;

   d) mit Dem, was Vitruvius **) in seiner Baukunst =91= von den Baukünstlern fordert und von ihnen erzählt, sowie es dieser Künstler zum Theil in den römischen Baucorporationen schon vorfand, zum Theil aber auch selbst erst durch ihn in dieselben überging, und späterhin von den lebenstrengen Gottinnigen (ascetischen Religiösen), welche an der Yorker Constitution wesenlichen Antheil nahmen, beibehalten wurde;

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**) Siehe II. B., S. 74. ff.

   e) mit den Nachrichten, über die alten römischen Baucorporationen, die in den Quellen des römischen Rechts enthalten sind, welche ich in einer eignen ausführlichen Abhandlung im zweiten Bande ( S. 92 - 212) vollständig beigebracht habe;

   f) mit dem Urbegriffe, welchen sich der gelehrte, gefühlvolle, und von der Würde und Hoheit der Maurerei durchdrungene Bruder Anderson, durch die genaue Erforschung allen bei den Logen in London vorhandenen Kunsturkunden und Überlieferungen, über die Maurerei und die Brüderschaft gebildet hatte; sowie er dieselbe in den erwähnten beiden ältesten Ausgaben des Constitutionenbuches klar ausgesprochen hat. Denn Was dieser hochverdiente Bruder unter Geometrie versteht, ist ganz Dasselbe, was in unserer Urkunde als der Inbegriff der den Maurern eignen Kunst und Wissenschaft dargestellt wird; daß aber Dieß wirklich der Fall ist, werde ich unten an seinem Orte *) darthun. Endlich ist auch der Inhalt des Fragstükkes

   g) den alten Urkunden und Überlieferungen gemäß, welche in Preston's Illustrations sich finden, sowie den Nachrichten Ashmole's, Plot's, Wharton's und Wren's, die sämmtlich, als Beilagen zu den drei ältesten Urkunden, im zweiten Bande mit abgedruckt stehen. **)

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*) Siehe das Sachverzeichniß bei den Worten: Geometrie und Preston; und II. B., S. 305.

**) Siehe II, B , S. 277 - 303 !

   5) Diese Urkunde trägt ferner in Gehalt und Form das Gepräge ihrer Zeit. Sie redet ganz die altenglische Sprache, sowie sie schon im 15ten Jahrhunderte als alte Sprache noch verständlich war, bis auf die feinsten Züge in Wortbildung, Manier und Stil, von der würdevollen Einfalt des Ausdrukkes bis zu seinen kleinen Unvollkommenheiten. ***) =92=

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***) Man sehe hierüber die im zweiten Bande S. 454 ff. beigebrachten ferneren sprachlichen Erweise und Beiträge! In der oben S.62 erwähnten Schrift: the lives of John Leland etc. (Oxford 1772) Tom. I, nach S. III, findet sich ein wörtlich =92= treuer Abdruck einer im J. 1549 zu London, gedruckten Schrift unter dem Titel: "The laboryouse Journey and serche of John Leylande, for Englandes Antiquitees, geven of him as a newe years gyfte to Kinge Henry the VIII in the XXXVII. yeare of his Reygne, with declaracyons enlarged by Johann Bale. II. Macha. II. He that begynneth to wryte a storye, for the fyrste, muste wyth his uncterstandynge gather the matter togyther, set hys wordes in ordre, and dylygently seke out on every parte. To ve" [be] "sold in fletestrete at the signe of the Croune next unto the whyte Fryears gate." Am Ende steht: "Emprented at London by Johan Bale. Anno MDXLIX." In dieser Schrift findet sich eine dem sogenannten Freimaurerverhöre noch ziemlich ähnliche, auf ähnliche Weise schwankende Schreibung.
      Folgende Nachweisungen einzelner in unserer Urkunde vorkommender Wörter sind vielleicht nicht überflüssig. — Redde Sax. rothe. Wisaker pro stulto vulgo usurpatur a belgico witis-seggher, divinus, ariolus. (Skinneri Etymologicon.) — In Benson's Vocab. Anglosax. finde ich: midle, Mittelpunkt, Mitte, midlen, was in der Mitte ist, mittelmäßig; metan, erfinden, mahlen, messen; mete - gyrd, Meßstange; metenysse, Vergleichung, Messung, met - fatu, Maaße; rect, senkrecht, rehtlice, recht, richtig. Die Wörter: myddlelonde See, Wonderwerkynge, in recht, habe ich zwar noch nicht aufgefunden; allein wir haben leider noch kein einigermaßen vollständiges Wörterbuch der angelsaxischen Sprache, indem diese Sprache in England wenig gelernt wird. — Zu der Zeit, wo unsere Urkunde geschrieben und abgeschrieben wurde, war die Schreibung der englischen Sprache so achwankend, daß fast jede Provinz ihre eigne hatte, ja selbst jeder Schreiber sich gewisse Eigenheiten erlauben konnte, gerade so, wie wir es in deutschen Urkunden aus deselben Zeit sehen.

   6) Der wesenliche Inhalt der Urkunde selbst, welcher an sich noch für die Zeiten der höchsten, auf Erden möglichen, Vollendung der Menschheit gültig und unverändert bleibt, zeigt doch durch seine geschichtlichen Bestimmungen deutlich auf das Mittelalter hin; besonders durch die Züge geschichtlicher Weisheit, und zeitgemäßer Belehrung und Erziehung, die nur auf jenes Zeitalter passen. Zum Beispiel, wenn gesagt wird, daß die Maurer die Kunst, Wunderwerke zu thun, zu prophezeien, — vorzüglich wohl aus den Gestirnen, — die Kunst der Verwandlungen, und andere Künste mehr, verbergen, damit sie nicht von schlechten Menschen zu bösen Zwekken gemißbraucht werden möchten: so bezeichnet Dieß gerade die abergläubischen Erwartungen jenes Zeitalters, denen selbst die Mächtigen und die Fürsten huldigten; — welche zum Besten zu leiten, einen gewiß nicht leichten, noch geringfügigen Theil der Regierungkunst ausmachte, deren sich die =93= Maurer in unserer Urkunde rühmen. Daß übrigens schon, zu den Zeiten König Heinrich's des VI. die Mehrzahl der Brüder besonders diesen Theil der maurerischen Einsicht und Kunst nicht mehr richtig, sondern im wörtlichen und abergläubischen Sinne, verstanden haben mögen, ist aus Gründen, welche hernach folgen werden, höchst wahrscheinlich, und umsoweniger zu verwundern, da das richtige Verständniß dieser Stelle noch jetzt Vielen so schwer fällt.

   7) Was als Locke's Arbeit angegeben wird, trägt ganz das Gepräge seines Geistes und seiner Schreibart. Überdem finden sich in dem Briefe, der ihm zugeschrieben wird, wirklich einzelne Umstände seines Leben, welche in Zeit und Ort mit Dem zusammenstimmen, was man erst später aus seinen gedruckten Briefen ersehen hat. Man lese hierüber nochmals die aus Lawrie's Geschichte (hier S. 55 ff.) angezogene Stelle nach!

   II) Die äußeren Gründe der Echtheit unserer Urkunde bestehen vorzüglich in folgenden Punkten. —

   1) Sie ist in so vielen öffentlichen periodischen engländischen Blättern für das große Publicum abgedruckt; sie ist von diesem begierig aufgenommen worden; und doch hat sich, soviel mir bewußt, in England keine einzige Stimme dagegen erhoben. Sollte von den Aufsehern der Bodleianischen Bibliothek, und von allen den so vielen gelehrten Engländern, die sie benutzten, und noch benutzen, kein Einziger sich die Mühe genommen haben, nachzusehen, ob sich die Leyland'sche Handschrift daselbst befinde, oder nicht; und sollte, wenn es nicht daselbst ist, kein Einziger den Muth gehabt haben, Dieß laut zu sagen; da doch in England so viele Schmähschriften und Verläumdungen gegen die Maurerei erschienen sind und noch erscheinen? (Vergleiche oben S. 80 *)!) Was aber die geschichtliche Wahrheit des Inhaltes betrifft, und die Echtheit der Sprache, das Alles muß doch das englische Volk besser, als jedes andere, beurtheilen können, und ein so vielseitiger Betrug müßte ihm zuerst in die Augen fallen.

   2) Die große Loge in London hat sie in ihr amtliches (officielles), zur Belehrung Derer, die um Aufnahme nachsuchen, bestimmtes, von ihr feierlich bekräftigtes (sanctionirtes) Constitutionenbuch, auch noch in die durch Br. Noorthouck im J. 1784 besorgte Ausgabe, einrükken lassen, sobald sie ihr bekannt worden ist. Zugleich =94= stimmt der Inhalt des Fragstükkes mit Dem, was die beiden früheren Ausgaben des Anderson'schen Constitutionenbuches, vorzüglich die erste, über die Maurerei unter König Heinrich dem VIten erzählen, völlig überein, besonders mit der wortlich mitgetheilten Urkunde aus der Zeit Eduard's des IVten, welche ich gleichfalls weiter hinten*) beifügen werde. Eine so ausgebreitete Gesellschaft von Maurern, als die unter dem Londoner Großmeisterthume vereinigten Logen sind, die so viele gelehrte Männer in ihrer Mitte hat, und bei welcher alle allgemeine Beschlüsse nur mit einstimmiger Bewilligung der Repräsentanten aller vereinigten Logen Kraft erhalten können, wird sich, ohne sorgfältige Prüfung, welche anzustellen sie alle Ursache und alle Mittel hat, in einer so wichtigen Sache nicht leicht der Gefahr aussetzen, entweder als Betrüger, oder als Betrogene, zu erscheinen.

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*) Siehe II. B., S. 304 ff.

   3) Auch die zweite, aus Logen, die sich von der ältern, 1717 gegründeten, Londoner großen Loge getrennt hatten, bestehende, große Londoner Loge, welche, von ersterer ganz unabhängig, und mit ihr in offnem Streite, selbständig nach der alten Yorker Constitution arbeitet, erklärt ausdrücklich dieses Fragstück dadurch für echt, daß sie die erste Ausgabe von Preston's Erläuterungen sowohl, als von Hutchinson's Geist der Maurerei, mit ihrer Beglaubigung (Sanction) **) versah; in beiden Werken aber steht das Fragstück, und wird in beiden für echt, und in Ansehung seines Inhaltes für völlig zuverlässig, erklärt. (Siehe besonders Hutchinson, S. 37 der deutschen Übersetzung!) Wie sehr man aber berechtigt ist, alles Das, was in Preston's Erläuterungen steht, als die wahre Meinung dieser zweiten Groß-Loge zu betrachten, sieht man daraus, daß die der altenglischen Verfassung immer treu gebliebene, jetzt wieder mit der 1717 gestifteten großen Londoner Loge, (ohne ihre Selbständigkeit und alten Privilegia irgend aufzugeben,) vereinigte, Lodge of Antiquity (acting   =95=

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**) Den späteren Ausgaben des Preston'schen Werkes ist eine Beglaubigung der neuenglischen Großloge nicht vorgedruckt. — Die zwölfte Ausgabe seiner Illustrations hat Preston, nun seit dem Jahr 1790 mit der Großloge ausgesöhnt, dem damals amtführenden Großmeister Earl of Moira, als "a well-known treatise, with due deference" (ein wohlbekanntes Werk, mit schuldiger Ehrerbietung) dediciret.

… (acting by immemorial times, seit undenklichen Zeiten in Thätigkteit) zu London, als Preston das erwähnte Werk auf's Neue herausgeben wollte, der Altenburgischen Loge Archimedes zu den drei Reißbretern diese Schrift unter dem 7ten Octbr. 1793 so empfahl: "but thousands have derived pleasure and instruction from his Illustrations of Masonry; a book which, we assure ourselves, will allways be considered by the Brethren of our Society as a classic work, comprising the general history, and illustrating the true principles of the Art." ["Tausende haben aus seinen Erläuterungen der Maurerei Vergnügen und Belehrung geschöpft; ein Buch, welches, wie wir uns versichert halten, stets von den Brüdern unserer Gesellschaft als eine Musterschrift (ein klassisches Werk) betrachtet werden wird, indem es die allgemeine Geschichte umfaßt, und die wahren Grundsätze der Kunst erläutert."] Diese Stelle aus erwähntem Briefe ist abgedruckt im Altenburgischen Journale für Freimaurer, im 3ten Hefte des ersten Bandes, S. 393. — Wie sehr Preston von den Brüdern in England geachtet sein muß, ersieht man aus der Dedication der zwölften Ausgabe seines Werkes an den damaligen Großmeister Earl of Moira und aus der Einleitung, p. VII. - IX, wo Preston von seiner Wirksamkeit in den Logen, und von der Aufnahme redet, die seine fleißigen Bemühungen in der Brüderschaft gefunden, sowie von der durch ihn mit Hülfe seiner Freunde bewirkten wesenlichen Verbesserung aller Logenarbeiten in Ritual und Vorträgen in den Logen des neuenglischen Großmeisterthumes.

   Dazu kommt noch 4) die erwähnte Billigung der großen Loge von Schottland, welche gleichfalls im Besitz der ältesten, die Maurerei betreffenden Urkunden, und dabei von dem Londoner Großmeisterthume völlig unabhangig ist.

   Wie übrigens diese Urkunde nach Frankfurt gekommen, Dieß ist mir unbekannt; sowie mir auch die, von Lawrie erwähnte, Frankfurter kleine Schrift von 12 Seiten, vom Jahr 1748, noch nicht zu Gesichte gekommen ist.*) — Es könnte sogar sein, daß irgend ein engländischer =96= Brüder-Maurer, der diese Urkunde zuerst in the Gentleman's Magazine einrükken ließ, um nicht entdeckt zu werden, diese Einkleidung ersann; sowie der Bruder, der die Schrift: the three distinct Knocks, verfaßte, vorgibt, ein in der Nähe von Berlin gebürtiger Deutscher zu sein. Sogar diese Täuschung würde den übrigen Gründen der Echtheit der Urkunde selbst Nichts benehmen.

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*) Daraus, daß noch Niemand diese angebliche Druckschrift aufgefunden, läßt sich über deren Dasein oder Nichtdasein nicht aburtheilen. — Wie viele neue wirklich erschienene Bücher sind gleichwohl in keiner gelehrten Zeitung angezeigt, ja sogar in ausführlichen Literaturwerken übersehen worden! =96= — Jene kleine Schrift kann ja nur wenige Male, und nur für Brüder, die sie sorgfaltig geheim hielten, und nur durch eine Handdruckerei, abgezogen worden sein. Um das Jahr 1748 war der Verkehr deutscher Brüder, besonders der in der Gegend um Frankfurt lebenden, mit England groß genug, und es konnte allerdings Locke's Handschrift abschriftlich leicht dahin gekommen sein.



   B) Bei der gehörigen Würdigung dieser Urkunde kommt es hauptsachlich darauf an, ihre Entstehung, ihre äußere Form und ihren Gehalt selbst, richtig und gründlich zu beurtheilen.

   1) Wie sie in dieser Form entstanden ist, Das möchte schwer zu entscheiden scheinen. Denke man sich dieselbe als einen schon vorräthigen, zum vorläufigen Unterrichte Fremder, die sich erkundigen, eingerichteten Aufsatz; oder als einen solchen, der eben jetzt erst, wegen der feindseligen Parliamentacte, in diesem, eben vorkommenden, sehr wichtigen Falle für den König und seinen hohen Rath verfertigt worden ist; oder auch als die erste, dem schon gewonnenen, der Brüderschaft schon zugeneigten Könige gemachte Eröffnung; oder endlich als ein in seiner Gegenwart oder in seinem Namen wirklich gehaltnes und protocollirtes Verhör: so hat diese Verschiedenheit, sich deren Entstehen vorzustellen, auf den Gehalt der Urkunde selbst, der vor Augen liegt, keinen wesenlichen Einfluß. Indessen läßt sich denken, daß diese Mittheilung an den König, wenn sie anders mit Wissen und Willen der Brüderschaft geschehen ist, Welches mir sehr wahrscheinlich vorkommt, durch ein angesehenes, gelehrtes und erfahrenes Mitglied des Bundes, nur nach reiflicher, gemeinsamer Überlegung, und nach Maßgabe der Ergebnisse derselben, geschehen sein mag. Denn von ihrem Erfolge hing es ab, ob der König die Brüderschaft schützen und befördern, oder nur dulden, wohl gar sie hindern und zu zerstören suchen würde. Nach sorgfältiger Prüfung muß ich mich für die erstere Annahme erklären, daß nehmlich diese Urkunde ein schon zu König Heinrich's des =97= VIten Zeiten, seit mehren Jahrhunderten, aus den blühenderen Zeiten des Bundes vorhandener Aufsatz sei, welcher zu der Absicht verfertigt wurde, um würdige Männer, die Zutritt zu der Brüderschaft suchten, oder an deren richtiger Einsicht über das Wesen und den Zweck der Brüderschaft, sowie an ihrem Wohlwollen, der Brüderschaft viel gelegen war, vorläufig, ohne Etwas von der geheimen Kunst selbst und von den Gebräuchen derselben zu verrathen, im Allgemeinen, aber wahrhaft und vollständig, zu belehren. Zu dieser Annahme bringen mich folgende Gründe. —

  a) Die Sprache selbst ist älter, als das 15te Jahrhundert, doch so, daß sie damals noch verständlich war; dabei schließt sie sich so genau an das Angelsaxische an, daß sie gar wohl, wie es mit vielen andern Urkunden geschehen, als diese Mundart durch die Beimischung des Normannisch- Französischen zum Theil unverständlich geworden war, in die so veränderte Volksprache gewissermaßen übersetzt worden sein kann.*) =97=

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*) Daß, warum, und wie Dieß geschehen, lehret selbst eine Urkunde, welche ich aus Hickesii Thesaurus im zweiten Bande, S. 448 - 454, habe abdrucken lassen.

b) Die Fragen und Antworten sind so überlegt und planmäßig, als sie sein müssen, um die angenommene Absicht zu erreichen; und die Fragen insbesondere sind, nach meinem Gefühle, mehr die eines Kunstverständigen, als eines Laien, und stimmen oft wörtlich mit der Yorker Constitution überein. c) Der Inhalt hält sich ganz im Allgemeinen, und läßt die innere Verfassung der Brüderschaft völlig unberührt; ein Verhör hingegen, was der König über die von seinem Parliamente verfolgten Maurer gehalten hätte, müßte in's Einzelne gegangen sein, müßte, zum Beispiel, von der Verfassung, von den berüchtigten Generalkapiteln, und dergleichen mehr, handeln. d) Auch kann nicht angenommen werden, daß die Fragen zuvor einzeln schriftlich vorgelegt worden seien, wie es, zum Beispiel, mit den mehr als 100 Fragen geschah, die man den Tempelherren bei ihrem Prozesse vorlegte; indem die folgende Frage jedesmal aus der nächstvorigen Antwort, nicht ohne Kunstsinn, abgeleitet ist. Dieser Umstand besteht übrigens sowohl mit Locke's, als mit meiner Annahme gleich gut. e) Die Schreibfehler sind bei dieser Annahme ebenso gut zu erklären, sowie es auch ebenso möglich bleibt, daß die Stelle über die verhehlte Kunst, Wunder zu thun, und Was etwa noch weiter nach der damaligen Menschen Weise gesagt ist, nach und nach, =98= sowie es nöthig wurde, hinzugekommen. Vielleicht geben uns genauere geschichtliche Untersuchungen in Zukunft geschichtlichen Aufschluß über die Entstehung dieser Urkunde: dann werde ich entweder meine Vermuthung bestätigt sehen, oder sie berichtigen. Über die Sprache der Urkunde habe ich mich im zweiten Bande (Seite 448 - 459) weiter verbreitet. Daß Locke, der selbst noch nicht Maurer war, noch weniger die alte Geschichte der Brüderschaft kannte, diese Urkunde für ein vor Heinrich dem VI. gehaltenes Verhör hielt, und daß Entick, als Herausgeber des Anderson'schen Constitutionenbuches, ihm hierin beipflichtet, kann mich nicht bewegen, mein Urtheil zu ändern; zumal da Locke so wenig, als Entick, irgend einen Grund ihrer Annahme anführt. Daher kann diese Urkunde lieber das Fragstück über den Ursprung und die Wesenheit der Maurerei genannt werden.

   2) Die Form der Urkunde ist die so eindringliche lehrfragliche (reincatechetische); sie ist bestimmt, von entschiedener Eigenheit, in ihrer Art gut gehalten; Alles ist mit Umsicht und Klugheit, und doch mit Würde und mit Wärme, gesprochen; edle Einfalt früherer Zeit in Gedanken und Worten wird ihr Niemand absprechen, der Sinn hat, sie zu empfinden. Dieß ist Alles, was von ihrer Form verlangt werden kann, und es konnte diese Belehrung ihre Wirkung auf den König umsoweniger verfehlen.

   Um nun 3) den eigentlichen reingeschichtlichen Gehalt in diesem achtbaren Denkmale rein zu gewinnen, muß man mit der Kenntniß der übrigen ältesten Urkunden der Brüderschaft gerüstet, und dabei im Stande sein, das Zeitalter, worin die Brüderschaft aufblühte, ohne wissenschaftliche, kirchlehrliche, staatliche und geschichtliche Vorurtheile zu würdigen; auch muß man das Gold von der Schlacke zu scheiden verstehn. Von gediegenem Werthe ist Das, was von dem reinen und, bezugweise auf die Nachzeit, vollkommneren Zustande der Brüderschaft in den frühern Jahrhunderten des Mittelalters noch am Tage liegt, oder doch aus einigen, vielleicht späteren, Zusätzen hervorscheint. Ohne Werth hingegen ist Alles, was sich aus der Zeit der Lebenscheide (Crisis), worin sich im fünfzehnten Jahrhunderte zwei Lebenalter aneinanderfügen, und die neue Zeit schon durchzubrechen begann, — Fremdartiges, Lebloses und Schlechtes an das überlieferte edle Korn angelegt =99= haben könnte. Denn die eigenliche, erste Blüthe der Maurerei, sowie sie selbst in diesem Fragstükke dargestellt wird, fällt in die frühere Zeit, wo die christlichen Gottinnigen (Religiösen) und Gottinnigkeitlehrer (Religionlehrer) noch mit wahrer, lebendiger Gelehrsamkeit geschmückt, rastlose Bildner und Veredler der Länder und Völker, der Fürsten, des Adels und des gemeinen, in jedem Zeitalter achtbaren Volkes, wo sie fromme, unermüdete Arbeiter in Gottes Weinberg auf Erden und treue Hirten ihrer Gemeinden waren, wo nur erst ein kleiner Theil von ihnen sich von frommen Fleiß am Bau der Menschheit zu thatenlosem Genießen gewandt hatte.

Wir, die wir noch heute die Früchte ihrer heldmuthigen Anstrengungen ernden, denen sie die Kunde des griechischen, römischen und ebräischen Alterthums erhielten, denen sie Wildnisse zu urbarem Land' umschufen, denen sie Tempel und Äkker schenkten, die nützlichen und schönen Künste aufbewahrten und vermehrt überlieferten, sowie auch die Anfänge der Tonkunst, welche die eigne Zierde der neueren Zeit ist, vorbildeten: wir genießen, — und vergessen so leicht den ehrwürdigen Stand, der unser heutiges Glück vorzüglich gründete. Sei es, daß er nach vollbrachtem Geschäft in unthätige Ruhe großentheils versank, und so die Achtung der Völker auf einige Jahrhunderte nicht mit Unrecht verlor, so dürfen wir doch gegen sein früheres, reineres und schöneres Wirken nicht ungerecht sein. In diese Zeit fiel es, daß sich die reisenden, von Päbsten und Fürsten, mit Freiheitbriefen versehenen, Bauleute wie an der Hand der Geistlichkeit, und wie unter ihren Augen, ausbildeten; wo ein großer Theil der Brüder selbst zu dem Priesterstande (Klerus), in allen Stufen desselben, gehörte; wo Geistliche vom erhabensten Range Oberhäupter und wirkliche, die größten Werke entwerfende und ihre Ausführung leitende, Baukünstler waren; wo die Baukünstler in Klöstern unterrichtet und gebildet wurden, und in Klöstern *) ihre Versammlungen hielten. Da vereinigte sich der freie, schöne Sinn der Baukünstler mit der gottinnigen, höheren Erkenntniß und Liebe des ewig Wesenlichen der Menschheit. Wie und wann, und durch welchen Theil der Geistlichkeit, Dieß geschah, davon werde ich weiter unten **) =100= bei Gelegenheit der alten Yorker Constitution, und im zweiten Bande, reden.

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*) Siehe das Register bei dem Worte: Loge!

**) S. das Register unter Culdeer!

   Die Baukünstler, — ohnehin durch ihre Kunst und Lebenweise reinmenschlicher und vielseitiger Bildung fähig und brüderlicher Eintracht, sowie einer eignen freien Verfassung, bedürfig, — waren vielleicht damals der einzige weltliche Stand, der jener höheren Erkenntniß und allgemeinmenschlichen Kunst empfanglich und ihrer Ausübung fähig war, welche sich im Mittelalter allein bei dem wahrhaft gottinnigen Theile der christlichen Geistlichkeit, unbesiegt von den Satzungen der äußeren Kirche und der weltlichen Macht derselben, lebendig erhielt. Doch sowie die Geistlichkeit selbst sich verschlechterte, und die mühevolle Baukunst mehr den Laien allein überließ, sowie nach und nach Städte und ihre feststehenden Zünfte aufblühten, sowie die christlichen Länder mehr Kirchen und Klöster hatten, als nöthig war, und sowie daher die Freimaurer aufhörten, mit dem Priesterstande in jener genauen Verbindung zu stehen: so verschwand mit den Lehrern die Gelehrsamkeit, mit der Gelegenheit die strenge Tugendübung; mit der Arbeit verringerte sich der Fleiß, die Menge und die gesellige Eintracht der Arbeiter; sie mußten sich nun mehr in kleineren Bezirken wohnhaft niederlassen, und an die übrigen Stände, sowie an die Land- und Städte-Verfassungen, anschließen; welches Alles damals Das nicht ersetzen konnte, was ihnen zuvor der erleuchtete Stand der gottinnigen Priester gewesen war. Dieß war in allen Ländern Europa's, aber in den britischen Inseln am spätesten, der Fall. *) So gab es zur Zeit Heinrich's des VIten schon wenige Maurermeister mehr, die lesen und schreiben konnten; der vorige schönere Zustand wurde bei den entarteten Nachkommen zur Sage (Mythe), und wurde dann durch Aberglauben, Thorheit, und durch gemeinen Zunftgeist entstellt. Die alte würdige Kunstlehre mußte, von Munde zu Munde wandelnd, gar leicht und sehr bald mit der Unwissenheit und mit dem Aberglauben der Überlieferer ausgestattet, und dadurch nach und nach immer unkenntlicher, werden. Der alte, bildsame, lebenvolle Geist der Vorzeit war wohl schon zu Heinrich's des VIten Zeiten größtentheils aus den Masonhallen (Bauhütten, Logen **) ) verschwunden, und seine Lehre war zur räthselhaften Satzung geworden. =101=

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*) Die Beweise sind im Folgenden enthalten. Siehe vorzüglich II. B., S. 376 - 397 !

**) Siehe II. B. S. 287, 350, 378 a. 418 und S. 325 f.

   Sollten wir daher in unserer Urkunde wirklich im Einzelnen Aberglauben und Unsinn finden, so dürfte uns Dieß nicht befremden. Ist sie wirklich aus den Zeiten Heinrich's des VIten, so würde es sogar zu verwundern sein, wenn sie dergleichen Nichts enthielte. Allerdings erscheinen, zumal bei'm ersten Anblick, mehrere Aüßerungen derselben aberglaubig und schwärmerisch. Daß Pythagoras ein Weissager (Wyseacre) gewesen sein soll, will ich zwar nicht hieher rechnen, da diese Benennung in der angelsaxischen Sprache eigenlich einen Weisen oder Wahrheitforscher (siehe zuvor S. 32.) ohne abergläubische Nebenbedeutung bezeichnet. — Aber es heißt auch: "Sie verbergen die Kunst, Wunderwerke zu thun und zukünftige Dinge vorher zu sagen; die Kunst der Verwandlungen; den Weg, die Kraft des Abrac zu gewinnen." Haben nun wirklich die Urheber dieser Urkunde dieß Alles abergläubisch gemeint, so brachten sie ihrer Zeit einen Zoll, und verunreinigten das lautere Gold der früheren Überlieferung durch späteren Zusatz; allein für das übrige Gute und Schöne, was sonst in der Urkunde am Tage liegt, konnten sie dennoch reinen Sinn bewahrt haben, und innig davon ergriffen sein. Denn die Geschichte hat Beispiele genug von großen und liebwürdigen Menschen, welche bei hellen und tiefen Einsichten, und bei großer Reinheit des Herzens, in einzelnen Dingen von Aberglauben und Schwärmerei nicht freigesprochen werden können. Auch sind Wahrheiten und menschheitwürdige Gesinnungen darum gewiß nicht geringer zu achten, daß sie von Menschen herrühren, die in anderen Stükken aberglaubig und schwärmerisch dachten. Wären also auch obige Äußerungen ganz und rein aberglaubig und schwärmerisch, so dürfte uns Dieß doch nicht gleichgültig machen gegen das viele Wahre, Schöne und Menschheitwürdige, was sonst in unserer Urkunde so faßlich, so einfach und so eindringlich gesagt und empfohlen wird. Ja selbst, wenn diese Stellen schon viele Jahrhunderte vor Heinrich dem VIten nicht ohne Aberglauben gedacht worden wären, so könnte auch Dieß in unserem Urtheile über das Ganze Nichts ändern.

   Doch, nachdem ich unsere Urkunde wiederholt geprüft, das Ganze an die Theile und die Theile an das Ganze, vergleichend gehalten, und die erwähnten Stellen, welche die Urheber derselben des Aberglaubens und der Schwärmerei zeihen könnten, in ihrem Zusammenhange überdacht hatte, ist mir eine ganz andere Ansicht und Auslegung =102= derselben die wahrscheinlichere geworden; — eine Ansicht, welche unsere alten Brüder in einem noch schöneren Lichte erscheinen läßt. Ich will dieselbe hier noch, nebst ihren Gründen, mittheilen.

   Dem Aberglauben liegt stets wahrer Glaube zum Grunde; selbst jeder einzelne Aberglaube beruht auf Einem wesenlichen, anwendbaren Urbegriffe (Idee), und entspringt großentheils aus einer mißgedeuteten und voreilig weiter ausgebildeten Ahnung über das Verhältniß des Urwesenlichen oder Ewigwesenlichen zu dem Eigenleblichen, zu den Begebnissen im Leben. Das Verneinende, Schädliche und Menschheitwidrige des Aberglaubens besteht bloß in der voreiligen Anwendung jener Uranschauung: daß Gott und seine Welt, und alle Wesen der Welt unter sich, in Einer allseitigen, urwesenlichen, ewigen und eigenleblichen (individuellen) Einheit stehen, — auf das Einzelne, ohne das Eigenwesenliche der einzelnen Dinge selbst und ohne ihre Beziehungen unter sich und zu immer höheren Ganzen zu durchschauen, noch sie gesetzmäßig, und besonnen, zu untersuchen, und ohne die Grenzen des Glaubens und der wissenschaftlichen Einsicht anzuerkennen, richtig zu bestimmen und wesengemäß auszugleichen. Welcher einzelne, in jenem allgemeinen Urbegriffe gelegene Theilurbegriff nun jeden einzelnen Aberglauben begründet, wäre leicht zu zeigen. — So beruht der astrologische Aberglaube auf dem gehaltvollen Urbegriffe: der Himmelbau, — jedes kleinere und größere Ganze desselben, — jeder Sternhaufe, jeder Sonnbau, jeder einzelne Himmelleib sei Ein Gliedbau, Ein Gliedleben, (organisches Ganzes,) nach Ähnlichkeit des Gliedbaues des menschlichen Leibes (des organischen Leibes), worin Alles in, mit und durch einander sei und lebe, zugleich wechselthätig und leidend.

— Nur daß der aberglaubige Astrolog diesen wesenlichen Urbegriff voreilig auf einzelne Dinge und Verhältnisse anwendet, ohne zu untersuchen, welch' ein Glied diese Dinge im Bau des Ganzen, welchen Wechseleinflüssen, und wann und inwieweit denselben die Himmelkörper, und Alles, was in ihnen ist, ausgesetzt seien. Geht aber jene Ahnung mit besonnener, wissenschaftlicher Forschung Hand in Hand, so öfnet sie dem Menschen die Tiefen der sichtbaren Schöpfung. Gottinnige Ahnung ging jeder sternkundlichen urgeistigen Entdeckung voran; denn sie weckte, sie erhielt, und tröstete den Fleiß des mühsamen Forschens. Dieß =103= lehren uns Pythagoras, Copernicus, Kepler, Newton. Der geistreiche, tiefsinnige, gottinnige Kepler erkannte es wohl, von welch' einem großen und schönen Urgedanken der sterndeuterische Aberglaube ausgehe; *) deßhalb verfiel er jedoch selbst nicht in denselben, vielmehr erhob ihn das Schauen jenes Urgedanken, von gottinniger Ahnung der Würde und Schönheit der Welt belebt, und durch die tiefsinnigste Formwissenschaft (Mathesis) gestaltet, zum ersten Lehrer der Grundgesetze des Himmelbaues und der Himmelbewegungen.

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*) Dieß zeigen uns folgende Schriften. — Jo. Kepleri de Stella nova etc. Libellus, Astronomicis . . . et Astrologicis disputationibus plenus; 2) J. K. ausführlicher Bericht von dem neulich . . . 1607 erschienenen Kometen und seinen Bedeutungen, item Discurs, was eigentlich die Kometen seien . . . ., und welcher gestalt sie dem menschlichen Geschlecht etwas anzudeuten haben; (Hall in Sachsen 1608;) 3) vorzüglich die Schrift: Tertius interveniens, d. i. Warnung an etliche Theologos, medicos, philosophos . . . . daß sie bei billiger Verwerfung des sternguckerischen Aberglaubens, nicht das Kind mit dem Bade ausschütten, und hiermit ihrer Profession zuwider handeln. Frankfurt 1610; 4. Kepler trat in dieser Schrift, als dritter Mann, zwischen den Arzt Feselius, der die Sterndeutung (Astrologie) blindlings verwarf, und den Arzt Röslin, der sie über die Gebühr erhob.

— Wäre es nicht durch genaue, in reingeschichtlichem Geiste angestellte Beobachtungen der geistreichsten Forscher dargethan, daß der Stand des Mondes auf Ebbe und Fluth, auf Feuchte und Dürre, auf Wind und Stille, auf schnellere Zerstörung faulender Körper, auf Wachsthum und Gedeihen der Pflanzen, sowie auf die Ebben und Fluthen und Krankheitscheiden (Crisen) des gesunden und kranken Menschenleibes, den mächtigsten und zartesten Einfluß habe: so würden Die, welche den Aberglauben durch Unglauben aufzulösen hoffen, alles Dieß, was allerdings schon seit Jahrhunderten nicht ohne Aberglauben geahnet wurde, noch heute als Schwärmerei und Unsinn, ununtersucht, verwerfen. Ebenso würden von ihnen die Einflüsse der Sonne auf Ebbe und Fluth für Träumerei, und, daß mehre oder wenigere Sonnflekken ein mehr oder weniger heißes und trokkenes Jahr veranlassen, für leeren Wahnglauben gehalten werden. Die wunderbaren Erscheinungen, welche uns Nachtwandler und das inhelle Lebenwachen (der sogenannte thierische Magnetismus) zeigen, hat man in der That, ohne sie ruhig zu erforschen, so lange als möglich, für eitel Thorheit und Betrug erklärt; während man die weit größeren Wunder, =104= zum Beispiel wie das ganze Leben der Natur in den Sinnen des Leibes dem Geiste offenbar werde, weil wir unaufhörlich in ihnen leben, gar nicht mehr bemerkt. Unendlich vieles Wunderbare bietet sich uns in Natur und Vernunft dar, dessen Dasein wir nicht leugnen können, ob wir gleich seine Wesenheit noch nicht begreifen. Verfolgen wir Dieß mit dem Auge wissenschaftlicher Forschung, so wird es uns Quell neuer, tieferer Erkenntniß und immer reicherer Kunst sein; aber dem unbesonnenen Denker bieten sich hierin ebenso viele Abwege in Aberglauben und Schwärmerei dar, — und in Unglauben stürzt ihn die Verzweiflung des mißlungenen Forschens. Der besonnene Denker dagegen vermeidet ebenso die Frechheit unbegründeter Annahme, als die Frechheit voreiligen Verwerfens.

   Auch der Unglaube, als der theilweise Mangel an Glauben, stützt sich auf den bejahenden ewigen Urgedanken: daß alle Wechseleinflüsse der Dinge, welche das Eine Vereinleben (Harmonie) der Welt in Gott enthält, gesetzmäßig sind, in den Gesetzen des Lebens und der Schönheit ihre Grenzen finden, und nie die jedem Dinge eigne Wesenheit aufheben noch umgestalten können; sondern daß alle Dinge im Wechselleben mit der Welt ihre Eigenwesenheit selbständig behaupten. Da nun der Aberglaube diesen Urgedanken gerade am meisten verkennt, so ist der Unglaube schon in dieser Hinsicht ein Feind desselben. Jener Urgedanke führt nun bloß dadurch den Menschen zum Unglauben, daß er voreilig Grenzen der Einwirkung Gottes und der Welteinflüsse voraussetzt, indem er dieselben als Störungen der Eigenthümlichkeit und Selbständigkeit der Dinge betrachtet, ohne es zu untersuchen, oder im Wahne, es untersucht zu haben; daß er mithin vor der Untersuchung leugnet, Was der Aberglaubige vor der Untersuchung bejahet. Der Aberglaube ist ein irregeleiteter Glaube, und der Unglaube ein theilweiser Mangel an Glauben; und in dieser voreiligen Entscheidung vor der Untersuchung sind sich Beide, Aberglaube und Unglaube, völlig gleich, mithin auch in dieser Hinsicht völlig gleich verwerflich. Sowohl dem Aberglauben, als dem Unglauben, gebührt der Name der Schwärmerei, das ist des Denkens und Empfindens ohne bestimmte Richtung, ohne gesetzmäßige Bewegung, ohne entschiedene Gestalt, ohne urhelle innere Anschauung. Der wahre Glaube ist gleich rein von Aberglauben und von Unglauben, ein Feind fresher, =105= voreiliger Beurtheilung, ein Freund der Gottinnigkeit und des wissenschaftlichen Geistes.

   Wer nun wahren Glauben und wahre Wissenschaft hat, der ist fähig, auch am Aberglauben und Unglauben das Wahre und Menschwürdige, wovon Beide ausgehen, zu finden und zu achten, und darin die, wiewohl noch unvollendete, Vorahnung des Guten, Wahren und Schönen im Menschen, die Keime höherer Wissenschaft und Kunst, zu erkennen. Ist nun in ihm Glaube und Wissenschaft, mit einem reinen Herzen im Bunde, zur Weisheit, das ist, zu lebwirkiger (practischer) Wissenschaft in reinguter Gesinnung, geworden: so sucht er, einklangig mit dem Geiste einer naturgemäßen Erziehung, in seinen Zeitgenossen die noch zum Aberglauben gemißbrauchte Anschauung der Urbegriffe und der Urbilder (der Ideen und der Ideale) reiner und heller zu machen, die Traumgestalten der Ahnung in schöne Bilder zu fassen und zu vollenden, die zarten Keime des Guten und Schönen sorgsam zu pflegen, die Keimblatter aber und die Blumenhüllen nur erst zur rechten Zeit abzustreifen. So bekämpft der Weise und der Menschenfreund den Aberglauben dadurch, daß er das Wahre und Gute pflegt und stärkt, worauf sich der Aberglaube, dem Aberglaubigen unbewußt, seiner Möglichkeit nach gründet. Er giebt das Wahre und Gute selbst; sobald Dieß die Menschen in Geist und Gemüth aufgenommen haben, verlassen sie das Irrige und Verkehrte unvermerkt, ohne daß noch ferner ein besonderer Kampf dagegen erfordert würde. — Eine solche Erziehung ehrt die Kraft, erhält und belebt das Selbvertrauen des Zöglinges, und erhält dessen Liebe gegen den Erzieher. In diesem Sinne konnte der treffliche Kepler, wenn Kaiser und Könige es von seiner Wissenschaft verlangten, aus dem Stande der Gestirne oder aus dem Erscheinen eines Kometen die Zukunft zu verkünden, unternehmen, und diese Gelegenheit benutzen, um den Herrschern der Völker, und allen seinen Zeitgenossen, heilsame Lehren und die Anliegen der Menschheit zu Gemüthe zu führen.

   Gerade in diesem Geiste scheinen mir nun auch die Verfasser unserer Urkunde den herrschenden Aberglauben ihrer Zeiten gewürdigt und zum Guten gelenkt zu haben. Denn sie sagen ausdrücklich, daß die Maurer nur alles Das verbergen, was in üblen Händen zum Übel gemißbraucht werden könnte, und was ohne den in den Logen damit zu verbindenden Unterricht Nichts helfen würde. Nichts =106= aber konnte wohl damals mehr gemißbraucht werden, als die vorgespiegelte Verwandlung der Metalle, als die Kunst, Talismane zu machen, aus den Händen und aus den Gestirnen zu wahrsagen, als die Kunst, durch damals seltne und neue Einsichten in die Naturwissenschaft Wunderwerke anscheinend zu verrichten. *) Anerkannten nun die alten Maurer die allem diesen Aberglauben zum Grunde liegenden wesenlichen Urbegriffe und Urbilder (reellen Ideen und Ideale), sowie das darin ausgedrückte Streben der Menschheit nach höherer Wissenschaft und Kunst, und nach einem bessern Zustande überhaupt; waren sie einsichtvolle Naturkundige, Sternkundige, Scheidekünstler und Ärzte, **) und zwar alles Dieß nur nach dem Maaße ihrer Zeiten: so vermochten sie es, jenen Aberglauben zur höheren Ausbildung der Menschheit und zu unzähligem Guten zu benutzen, insbesondere aber, den Zeitgenossen wichtige und zeitgemäße Wahrheiten ohne Widerstreben beizubringen, und dadurch eine bessre Zukunft vorzubereiten; — ohne daß sie deßhalb genöthigt gewesen wären, den Aberglauben, als solchen, zu hegen und zu befördern, oder sich zu betrügenden Gauklern zu erniedrigen. Vielmehr befanden sie sich, wenn diese Vermuthung über ihren geistigen Zustand gegründet ist, auf dem sichersten Wege, den Aberglauben durch sein eignes, mit Weisheit geleitetes Streben unfehlbar auszurotten; und erwiesen sich so als weise Erzieher der Menschheit, als wahre Meister der Regierungkunst, welche sie sich rühmen den Menschen gelehrt zu haben, und als echte Masonen, ***) welche, nach dem Geiste dieser Urkunde, alles Menschliche, das ist, alle Wesentheile des Menschheitlebens, gleichförmig bilden.

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*) Ich glaube allerdings, daß die alten Maurer unter Wunderwerken Das verstanden, was Feßler (siehe oben S. 75) angiebt; nur der Ausdruck: Wunderwerke, ist nicht mit wunderbare Werke einerlei, und die Maurer richteten sich hier, in den Worten, nach dem Aberglauben ihrer Zeit.

**) Die Unmöglichkeit der Verwandlung der Metalle ist ohnehin noch heute nicht erwiesen; und wir Verdanken dem mißlungenen Streben danach die wichtigsten chemischen Entdeckungen, und physicalischen und pharmaceutischen Präparate, z. B. die lichtansichhaltenden Steine, den Phosphor und unzähliges Andere.

***) Siehe das Register unter dem Worte: Mason!

   Betrachte ich nun die oben angeführte Stelle im Zusammenhange, so ist mir Nichts wahrscheinlicher, als daß unsere alten Brüder sich wirklich zu dieser weisen und =107= menschenfreundlichen Art, zu denken und zu handeln, erhoben hatten. Denn vor und nach dieser zweideutigen Stelle werden die gehaltvollsten, zur Vollendung der Menschheit erstwesenlichen Urbegriffe ausgesprochen. Voran steht die Kunst, Künste zu erfinden, *) und die Kunst, Geheimnisse zu bewahren, mit dem ausdrücklichen Beisatze: "damit die Menschen Nichts vor ihnen verbergen können, was sie angehe." Und nach der Aufzählung jener zweideutigen Künste steht unmittelbar, wie zur Warnung vor der möglichen falschen Auslegung, die Kunst, ohne Hülfe der Furcht und der Hoffnung gut und vollkommen zu werden. Die Kunst der allgemeinen Maurersprache macht den Beschluß, über welche ich auch nicht absprechend behaupten möchte, daß sie bloß auf Zeichen, Wort und Griffe gehe. **) Noch mehr bestärken mich aber in dieser meiner =108= … → Vermuthung

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*) Wenn sich auch diese Kunst zunächst nur auf die lehrgangliche (methodische) Erfindung von Kunstvortheilen innerhalb des weitläufigen Gebietes aller zur Baukunst erforderlichen Künste bezieht; so halte ich es doch für sehr möglich, daß sich geistvolle Männer des Mittelalters zu dem Urbegriffe einer allgemeinen Erfindkunst erhoben haben können; und Dieß scheint von Männern, die, wie es im Anfange hieß, alle Dinge zu des Menschen Nutzen und Gebrauch einrichten wollen, keine allzukühne Erwartung. Auch scheint mir der Beisatz: "daß Alles, was Andere durch Zufall erfinden, nur unbedeutend sei," zu der ersten beschränkteren Bedeutung weniger zu passen.

**) Der Urbegriff einer allgemeinen, unabhängig von den verschiedenen Volksprachen, und von der Wortsprache überhaupt, verständlichen Sprache, — einer sogenannten Pasigraphie, —ist sehr gegründet und ausführbar. Seine Ausführung würde in der Erziehung der Menschheit eine neue Lebenstufe entscheiden. Leibnitz faßte denselben mit Wärme und in seiner ganzen Allgemeinheit auf; er behauptete, diese allgemeine Sprache gründe sich auf ein Alphabet aller menschlichen Gedanken, und werde einst der Wissenschaft und der Menschheit die wesenlichsten Dienste leisten. In diesem Leibnitzischen Sinne kann ich den Urbegriff der allgemeinen Sprache im Mittelalter kaum vermuthen; aber wohl in dem Sinne obiger (S. 74 !) Ashmolischen Stelle. Auch die Yorker Constitution erwähnt noch anderer, als der Erkennzeichen. — Eine genauere Kenntniß der brahmanischen Sanscritsprache hat mich überzeugt, daß diese, zumal wie sie in ihrer strengeren Altform in den Vedams erscheinet, eine mit wissenschaftlichem Geiste gebildete Ursprache ist, wie auch bereits in den Asiatic Researches Tome VII, p. 199 - 232. gezeigt worden. — Inwiefern die sinische Schriftsprache der Sanscrit würdig zur Seite stehen könne, Das wird sich durch die mit des Guignes Wörterbuch erhellete Lesung der uralten Kims nun bald entscheiden lassen. (Vergleiche: Tagblatt des Menschheitlebens, =108= (Dresden 1811,) Nr. 47, b. S. 185 f. und den damit verbundenen literarischen Anzeiger Nr. 21, 22 und 23.)
      Eine urwissenschaftliche und reinurbildliche Wesensprache, welche, nach geschichtlichen Anzeigen, auch in unserer Urkunde geahnet worden ist, habe ich nun als Tonwesensprache (Pasilalie) und als Schriftwesensprache (Pasigraphie) der Hauptsache nach, und soweit vollendet, daß ich selbst mich derselben in Erforschung und Darstellung der Wissenschaft bereits bediene, und daß ich hoffe, die Sprachlehre und den Anfang eines Wörterbuches (Urwortthumes ) derselben in den nächsten Jahren im Druck bekannt zu machen.

Vermuthung die folgenden Fragen und Antworten, aus denen wir erfahren, daß diese Künste, — also auch Alles, was die Verfasser unter Wahrsagekunst, der Kunst, die Kraft des Abrac zu erlangen, der Kunst, Wunderwerke zu thun, und der Kunst der Verwandlungen verstanden, — dem würdigen und lernfähigen Manne gelehrt werden sollen; daß sie nur bei entschiedener Fähigkeit (capacity) und durch anhaltenden Fleiß, der die in der Brüderschaft dargebotnen öftern Gelegenheiten, mehr als Andere zu lernen, sorgfältig benutzt, erlernt werden können; daß der Maurer nur hierdurch, nicht durch äußere wunderbare Einflüsse, zu diesen Künsten sich erhebe. — Dieß ist weder der gute Rath, noch die Lehr- und Lernmethode, des Aberglaubigen und des Schwärmers.

   Das hier Behauptete wird jedem sinnvollen Leser, auch ohne tiefere Geschichtkunde des Mittelalters, in hohem Grade wahrscheinlich werden, und der Inhalt unserer Kunsturkunde wird ihm in Bezug auf die Geschichte unserer Brüderschaft und ihren Werth in der Entfaltung des Menschheitlebens auf Erden umso wichtiger erscheinen, wenn er die hier (in der 2ten Abth.) mitgetheilten Nebenstellen aus den ältesten Denkmalen der Urzeit und aus den Schriften urgottinniger Menschen (sogenannter Mystiker) des Mittelalters, sowie das (im zweiten Bande, S. 46l - 464, enthaltene) alte Lehrgedicht eines nordischen Barden wohlerwogen, und mit dem Inhalte unserer Urkunde verglichen haben wird.

   Dennoch gebe ich diese meine Ansicht nur für wahrscheinlich aus. Denn nur eine sorgfältigere Untersuchung des Mittelalters überhaupt sowohl, als über die Geistlichkeit und die Baucorporationen in den britischen Inseln insbesondere, kann uns einst hierüber volles Licht geben; ein Licht, was uns vielleicht schon leuchten würde, wenn wir gelehrte Nichtmaurer an unseren Untersuchungen =109= über den Ursprung und die Geschichte unserer Brüderschaft von jeher hätten Theil nehmen lassen.

   Wenn ich mich bis hieher bemüht habe, meine Überzeugungen und Vermuthungen über das Entstehen und die Echtheit dieser wichtigen Urkunde darzustellen, so geschah Dieß, weil ich von der Wichtigkeit und Fruchtbarkeit dieser geschichtlichen Untersuchungen überzeugt bin. Allein ich kann diesen Abschnitt nicht beschließen, ohne nochmals zu bemerken, daß die Fragen: von Wem und aus welcher Zeit dieß Denkmal herrühre, und ob es wirklich auf die in der Überschrift angegebene Weise überliefert worden? auf die reine Beurtheilung des Inhaltes selbst keinen wesenlichen Einfluß haben. Denn gesetzt auch, es fände sich, daß diese, oder auch, daß alle übrige, hier noch mitzutheilende, Urkunden auf eine unechte, oder wenigstens auf eine ganz andere Weise, entstanden wären, — Was jedoch nie geschehen kann, da die Echtheit der meisten völlig erwiesen, nur einiger aber bloß wahrscheinlich, ist: so würde dennoch Das, was in ihnen ewig wahr, und gut, und schön ist, sowie alles Das, was sie zu der jetzigen und künftigen Vervollkommnung der Brüderschaft Brauchbares darbieten, dadurch nicht entkräftet. Thatsachen (facta), einzelne Begebenheiten, kann List und falsche Klugheit erlügen, entstellen, verfälschen, nicht aber Beweise ewiger Wahrheiten, die aus der Wesenheit des Menschen und der Menschheit selbst ursprünglich geschöpft sind, und durch das angestammte Gefühl in jedes Menschen Brust geheiligt werden. Wäre die wahre Wesenheit und die einzige Bestimmung der Freimaurerei und der Freimaurerbrüderschaft auch in einer unechten Urkunde enthalten, so würde doch die darin enthaltne Belehrung, da sie sich aus urwesenlichen und ewigen, innern Gründen bewähren müßte, als Wahrheit, allen wahren Maurern gleich willkommen, gleich liebwürdig sein. — Ja, nicht einmal die geschichtliche Gültigkeit dieser Urkunde würde dann Vernichtet sein, wenn gezeigt worden wäre, sie rühre nicht aus dem 15ten Jahrhunderte, noch ihre Abschrift von Leyland, her, sondern alles Dieß sei eine absichtliche Erdichtung; denn die Großloge von London, und mit ihr so viele hunderte, nach ihrer Constitution arbeitende, gesetzmäßig gestiftete und wirkende Logen haben die in derselben enthaltne Lehre über die Wesenheit und Bestimmung des Bundes für die ihrige erklärt, mithin dieser Urkunde, =110= ihrem Inhalte nach, auch eine äußere, geschichtliche und amtliche Weihe und Bestätigung gegeben. *

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C) Vorläufige Bestimmung des Verhältnisses

der in der ersten Kunsturkunde dargestellten Wesenheit der Freimaurerei und der Freimauerbrüderschaft zu dem Urbegriffe (der Idee) des Menschlieitlebens und des Menschheitbundes, sowie sie in der diese Schrift eröffnenden Abhandlung, und in dem auf dieselbe folgenden vergeistigenden Fragstükke, erklärt sind.

   Als ich in dem die drei ältesten Kunsturkunden vergeistigenden Fragstükke Freimaurerei Menschheitleben, und die Freimaurerbrüderschaft den Keim des Menschheitbundes, nannte; so erklärte ich dort, mich bewege hierzu vorzüglich "Dankbarkeit gegen unsere Brüderschaft; weil sie schon vor vielen Jahrhunderten zur Erkenntniß und Liebe der reinen Menschlichkeit gelangt wäre, und die Kunst, gesellig, als Menschen, der Menschheit zu leben, geahnet, geübt und fortgepflanzt habe." Dieß behauptete ich aus der Geschichte der Brüderschaft beweisen zu können. Ein Beweis davon liegt nun vor Augen. Der oben auf Seite 15 bis 19 vollständig angegebne und gewürdigte Hauptinhalt der eben mitgetheilten Urkunde bestätigt meine Behauptung. Jeden Menschen, nicht bloß jeden Bruder Freimaurer, muß es innig erfreun, schon im Mittelalter eine Brüderschaft zu finden, welche den Urbegriff (die Idee) der Menschlichkeit erkannte, den Urbegriff der Menschheit und ihres Einen Allvereinlebens (harmonischen Lebens) ahnete, und diese Urbegriffe, in geselliger Kunst, und den Bedürfnissen ihrer Zeit gemäß, auszuführen trachtete, sich also zu einem rein- und allgemeinmenschlichen Geschwister-Vereine (Institute) erhoben hatte.

   Unser Zeitalter ist bestimmt, daß gute Menschen, die reines Herzens sind, sich vereinigen, um den Urbegriff und das Urbild der Menschheit und ihres Lebens, sowie des ihr gewidmeten Menschheitbundes, klar und vollständig zur Anschauung zu bringen, und sie in geselligem Fleiße auszuführen. Selbst wenn die Vorzeit uns nicht in unserer Brüderschaft einen fruchtbaren Keim des Menschheitbundes anvertraut =111= hätte, könnten und sollten wir gerade jetzt diesen Bund stiften und gründen. Denn das ganze Leben der Menschheit ist zu unserer Zeit in allen seinen Theilen kräftiger, inniger, vielseitiger geworden; menschliche Bildung ist allgemeiner und gleichförmiger über die Völker und Stände verbreitet, und für alle einzelne Theile dieses Lebens wird das Bedürfniß ihrer Vereinigung in Ein gliedbauliches, ureinklangiges (harmonisches), reingutes und schönes Ganzleben erkannt und empfunden, und die einzelnen Theile des Menschheitlebens nahen sich wirklich von allen Seiten dieser Vereinbildung.

   Um so erfreulicher muß es uns sein, in unserer Brüderschaft einen fruchtbaren Keim des Menschheitbundes zu finden; und um so reiner und kräftiger muß unser Entschluß werden, diesen Keim zu erkennen und zu würdigen, ihn neu zu beleben und im Geiste der Menschheit zu pflegen, daß er sich zu einer gesunden Pflanze in kräftigem Wuchs entfalte. Dieß sind wir Gott, der Menschheit und uns selbst schuldig. Der lebende Verein ist das Lebenwesenlichste, was uns die Vorzeit erworben; ihn sollen und können wir den Nachkommen vollkommner überliefern. Vorwelt und Nachwelt haben auf uns gerechnet. Auch unser Zeitalter erscheint vor dem Richterstuhle der kommenden Menschheit. Der reifere Bund wird seinen geschichtlichen Zusammenhang mit der Freimaurerbrüderschaft nie verkennen. Die Nachwelt wird des ältesten Masonbundes, so auch unser, sich dankbar erinnern. Damit Dieß geschehe, laßt uns die Urbegriffe und die Urbilder der Menschheit und des Menschheitbundes lebendig erkennen, sie von ganzem Herzen lieben, die ganze geschichtliche Entwikkelung und den gegenwärtigen Zustand der Brüderschaft erforschen, nach jenen Urbegriffen und Urbildern würdigen, und unsern Bruderbund zeitgemäß höher heben, reinigen, neubeleben! Und hierbei sollen wir auch alles Gute und Schöne, was die Vergangenheit darbietet, sorgfältig aufsuchen und wieder erwekken. In diesem Sinne kann uns auch noch jetzt alles Gute und Menschheitwürdige, was die hier mitgetheilte Urkunde enthält, nützlich werden, wenn wir das jenen Zeiten eigne Unwesenliche absondern, und das Wesenliche unserem Bildungstande gemäß gestalten.

   Damals war die ausübende Baukunst das äußere, doch zugleich reinmenschlich gewürdigte und ausgeübte, Geschäft unserer Brüderschaft, was sie zugleich mit der Menschheit in allseitige Berührung brachte, und ihr geselliges Bindemittel war. =112= Dieß ist jetzt weder möglich, noch nöthig. Wir können, dürfen und sollen unsere reinmenschliche Kunst, jetzt rein, und selbständig, und unmittelbar ausüben. Die reinmenschliche Bildung, wodurch die alte Brüderschaft der Keim des Menschheitbundes wurde, war damals nur ihrem, aus dem besseren Theile der Geistlichkeit und den höheren Baukünstlern weniger Völker gemischten, Stande eigentümlich: heute können wir alle Stände und Völker der Erde zu unserm Bunde einladen; denn jeder Stand und jedes Volk kann jetzt und soll an seinem Theile und auf seine eigentümliche Weise am Bau der Menschheit mitwirken. Die alten Brüder verheimlichten einen Theil ihrer Kunst, weil sie dazu Gründe zu haben glaubten; doch, wie unsere Urkunde ausdrücklich sagt, setzten sie sich vor, sobald sich rein menschliche Bildung über mehre Stände und Völker verbreitet haben würde, immer mehr davon mitzuteilen. Mit der klaren Erkenntniß des Urbegriftes des Menschheitbundes, mit dem Anwachsen und mit der gleichförmigeren Vertheilung jener Bildung über alle Völker und Stände, sind heute die Umstände, welche unsere Vorfahren als rechtfertigende Gründe jener Verheimlichung ansahen, *) verschwunden; — und unsere Brüderschaft kann ein neues, schöneres und segenreicheres Leben gewinnen, wenn wir dabei in reinsittlicher und gottinniger Gesinnung handeln, und in Ansehung aller Hindernisse, welche der Offenverkündigung des gottinnigen Menschheitlebens an alle Völker gelegt werden können, Gott unbedingt vertraun.

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*) Ob ihre Ansicht und Überzeugung gegründet war, und ob sie hätten also handeln sollen, Das ist eine andere, und höhere, Frage.


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